Premiere: 21.05.2010 / 20:00 Uhr
Besetzung
| Inszenierung | Dirk Löschner |
| Bühnenbild und Kostüme | Christof von Büren/ Christopher Melching |
| Dramaturgie | Antonia Holle/ Sascha Löschner |
| Ajax/ Teukros | Jan Kittmann |
| Tekmessa | Frederike Duggen |
| Odysseus | Michel Haebler |
| Athene | Susanne Habenicht |
| Menelaos/ Agamemnon | Bernd Marquardt |
| Bote | Sören Ergang |
| Chor | Andreas Schirra |
| Komposition/ Musikalische Leitung |
Andreas Schulze |
| Percussion | Mark Beyer/ Andra Born/ Marius Hawlitzky/ Carsten Schön/ Albrecht Schroeder/ Andreas „Mzungu“ Schulze/ Cornelia Schwarzbrunn/ Katharina Schwarzbrunn |
Gespielt wird am ehemaligen Kraftwerk auf dem Betriebsgelände ALSTOM in Stendal. Zugang über Ziegelei-Weg.
Der Kampf um Troja tobt. Nach Achills Tod in der Schlacht stehen seinem Blutsbruder Ajax dessen Waffen zu. Doch Odysseus erreicht, dass man ihm selbst öffentlich die Waffen zuspricht.
Vor aller Augen schwerstens gedemütigt, verfällt Ajax in unmäßigen Zorn und beschließt eines Nachts, das Trio Agamemnon, Menelaos und Odysseus zu meucheln. Die Götter jedoch, die mit Odysseus und den Atriden noch anderes vorhaben, verwirren Ajax’ Sinn und lassen ihn stattdessen einige Ziegen umbringen, im Glauben, es seien die verhassten Feinde. Als er seinen Irrtum erkennt, nimmt er sich vor Scham das Leben.
In Sophokles’ Tragödie werden erstaunlich aktuelle Fragen gestellt: nach den persönlichen Konsequenzen einer öffentlichen Niederlage, nach dem Umgang mit Schuld, nach der Möglichkeit von Loyalität in unsicheren Zeiten, aber auch von Utopie.
Die griechischen Tragödien wurden im Freien aufgeführt, an Orten, die den Blick auf Landschaft eher ermöglichten als verstellten. Wir spielen auf dem ALSTOM-Werksgelände, Eingang Ziegeleiweg in Stendal.
Mit freundlicher Unterstützung der Kreissparkasse Stendal und des Autohauses Rosier, Stendal.
Wie ausgeweidete Tiere stehen die alten Lokomotiven auf den toten Gleisen, tief klaffen die Löcher in ihren Führerständen und Motorblöcken. Container voller Schlacke und Röhrenhaufen säumen den Weg, der mächtige Schornstein raucht längst nicht mehr – verkommenes Ufer, eine Landschaft wie aus einem Text von Heiner Müller. Es ist ein brillanter Einfall des Stendaler Intendanten Dirk Löschner, die Open-Air-Inszenierung zum Abschluss seiner ersten Spielzeit auf jenen Teil des Alstom-Geländes zu verlegen, auf die Instandhaltungsfirma Schienenfahrzeuge als Ersatzteillager hortet. Denn der „Ajax“ des Sophokles spielt schließlich am Ende des Trojanischen Krieges im Schiffslager der griechischen Invasoren – mithin auch auf einem Friedhof der Mobilität. (…)
Rund um den hohen Kamin, der wie ein Obelisk des Industriezeitalters in den Abendhimmel ragt, haben die Ausstatter Christopher Melching und Christof von Büren einen szenischen Parcours gelegt: Aus einer Garage kommt anfangs die Göttin Athene im Mercedes-Cabriolet gefahren, das vor dieser Kulisse tatsächlich wie ein Streitwagen wirkt. In einem blutgetränkten Zelt begegnet man später dem Helden Ajax, der die Herden der Griechen geschlachtet hat – im wahnhaften Glauben, jene Heerführer vor sich zu sehen, die ihm die Waffen des gefallenen Achilles verweigerten. Aus Industrieschrott ist der Altar zusammengeschweißt, auf dem die Trauernden ihre Locken für den von eigener Hand gefallenen Krieger opfern. Über allem öffnen sich die Türen, aus denen Menelaos und Agamemnon ihr vernichtendes Urteil verkünden…
Es ist ein kleines, feines Ensemble, das die große Geschichte erzählt: Jan Kittmann strotzt in der Titelrolle anfangs vor Kraft und wechselt als Teukros in die Haltung eines sophistischen Anwalts, der um das Recht seines toten Bruders auf eine standesgemäße Bestattung kämpft. Frederike Duggen zeigt als Sklavin Tekmessa, wie erzwungene Zuneigung durch die Sorge um die Zukunft ihres Sohnes zu echtem Gefühl gesteigert wird. Michel Haebler ist der listenreiche Opportunist Odysseus, der aus Staatsräson für seinen toten Freund plädiert. Das Brüderpaar Menelaos und Agamemnon (in einer Doppelrolle: Bernd Marquardt) sowie der Bote (Sören Ergang) führen einen Stellungskrieg, dessen Ziel sie längst aus den Augen verloren haben.
Die wichtigste Rolle in diesem Spiel aber übernimmt ein außergewöhnlicher Chor: Während Andreas Schirra die Passagen solistisch spricht, werden diese von einer Percussionsgruppe eindrucksvoll unterstützt und akzentuiert. Schon der erste Auftritt sorgt für Gänsehaut: Auf die Metallhaut der Lok-Kadaver werden treibende Rhythmen geschlagen, wie ein Heer von Untoten tauchen die bleichen Krieger in Guerilla-Unifomen aus ihrer Tarnung auf. Mit stummen Gesten lenken sie die Zuschauer zu den Schauplätzen. Am Ende lösen sie das Bündel, das den Nachkommen des Ajax bergen soll – und marschieren hinter dem schwarzweißroten Banner, das sich dabei entfaltet, fackeltragend und trommelschlagend in die Nacht.
Man kann darüber streiten, ob diese Pointe – die Verführbarkeit einer führerlosen Masse – tatsächlich der Intention des Stückes entspricht. Dass sie aber erschreckend zeitgemäß ist, zeigt er scheinbar gemütlichste Moment des Abends. In einem Intermezzo am lodernden Feuerkorb teilen die Darsteller mit dem Publikum einträchtig Brot, Wein und Wasser – und einer der Chor-Musiker packt die Gitarre aus. Die passenden Lieder sind schnell gefunden – „Partisanen von Amur“, „Spaniens Himmel“ und „Der kleine Trompeter“. Erschreckend, wie lustig das den meisten noch über die Lippen kommt. (Mitteldeutsche Zeitung, 25.05.2010)
Ajax – Sohn des Königs von Salamis – hat sich wacker im Trojanischen Krieg geschlagen. Tatsächlich ist er nach Achill der tapferste und furchtloseste Krieger des griechischen Heeres. Deshalb hätten die Waffen des getöteten Achills ihm zugestanden. Die großen Heerführer Menelaos und Agamemnon sprechen die ruhmvollen Waffen jedoch Odysseus zu.
Ajax beschließt in seiner gekränkten Ehre, die zwei Fürsten und Odysseus zu töten. Doch Göttin Athene verwirrt ihm die Sinne, so dass er eine Schaf- und Rinderherde angreift und niedermetzelt – im Glauben, es seien seine Feinde.
Wieder zur Besinnung gekommen, erkennt er das Ausmaß seiner Schande und begeht Selbstmord. Nicht das Flehen Tekmessas, Gefährtin und Mutter seines Sohnes, noch die Tatsache, dass er sein Heer führerlos zurücklässt, können ihn von seinem Tun abhalten.
Als sein Halbbruder Teukros die Bestattung für Ajax vorbereiten möchte, versuchen sowohl Agamemnon, als auch sein Bruder Menelaos dies zu verhindern. Zu groß ist ihr Hass auf den einstigen Waffenbruder. Einzig in Odysseus findet Teukros einen Fürsprecher. Odysseus fordert Respekt für Ajax, indem er an dessen Heldentaten erinnert. Die Bestattung wird gewährt, das Heer kehrt unter der Führung Teukros’ nach Salamis zurück.
Griechische Tragödien sind für das heutige Publikum oft schwere Kost. Kaum ein Zuschauer ist firm in der Mythologie und die vielen ähnlich klingenden Namen der Götter und Helden verwirren. Die Stendaler Inszenierung vermag es jedoch, aus diesem mehr als 2000 Jahre alten, griechischen Drama ein fesselndes, atmosphärisches Theatererlebnis zu machen.
Das liegt zum einen an der wunderbaren Kulisse. Der Einsatz einer Percussiongruppe, die auf alten Loks, Blechkanistern und Trommeln das Geschehen akustisch untermalt – mal bedrohlich, mal wild und ausgelassen – tut ihr Übriges. Dieses Trommeln lässt keinen Zuschauer unbeteiligt. Auch im 21. Jahrhundert können wir uns nicht wirklich der Wirkung dieser archaischen Klänge entziehen. Die Entscheidung des Regisseurs Dirk Löschner, den Chor auf einen Schauspieler (Andreas Schirra) zu reduzieren, trägt ebenfalls zum Erfolg dieser Inszenierung bei.
Dieser “Chor” ist nicht steif und skandierend, er zeigt Gefühle, er agiert und macht dadurch vieles verständlicher. Ganz allein steht Schirra als Chor beziehungsweise Ajax’ Heer nicht da: die Percussiongruppe gehört dazu und sämtliche Zuschauer. Sie werden von ihren Plätzen geholt und reihen sich in das salaminische Heer ein. So sind sie manchmal sehr dicht am Geschehen, – ein weiterer Grund für die Gänsehaut.
So erleben sie einen rasenden, seine Wut herausschreienden Ajax aus nächster Nähe, diese gekränkte Helden-ehre ist beinahe fühlbar. Jan Kittmann in der Rolle des Ajax überzeugt als kraftstrotzender, mutiger Kämpfer, der ob des erfahrenen Unrechts von Sinnen ist, genauso wie als der wieder zu Sinnen gekommene Verzweifelte, der merkt, dass er sich in eine ausweglose Situation gebracht hat. Von den Göttern offensichtlich verlassen, von den Griechen gehasst und verspottet, kann er nicht in sein Vaterland zurückkehren. Er hat seine Ehre vertan.
Frederike Duggen als Ajax’ Gefährtin ist eine starke Tekmessa, die die alten weiblichen Tugenden von Zurückhaltung und Schweigsamkeit im entscheidenden Moment außer Acht lässt. Eindringlich versucht sie, Ajax zur Rückkehr nach Salamis zu bewegen. Aus Liebe zu ihm, aber auch aus Besorgnis um das Schicksal ihres Sohnes – und um ihr eigenes. Starke Darsteller!
Dirk Löschner fand unter anderem an diesem griechischen Drama die Fragen “Was machen Gruppen, die plötzlich keinen Führer mehr haben?” und “Wo finde ich Sicherheit in unsicheren Zeiten?” interessant. Wohl deshalb wird das Publikum Teil eines Experiments, indem es Teil des Ajax‘schen Heeres wird. Nach einer wunderbar verbrachten Zeit am Lagerfeuer inmitten ihrer “Kameraden” stehen die Zuschauer am Ende zwischen dem toten Ajax und den strengen, unerbittlichen Feldherren Agamemnon und Menelaos. Auf der einen Seite der streitende Teukros (Kittmann in einer Doppelrolle, auch hier sehr überzeugend), auf der anderen Seite die Widersacher.
Nun heißt es ausharren, bis sich ihr “Schicksal” entscheidet. Wenn man sich darauf einlässt, den Kopf von dem einen zum anderen wendet und in sich hineinhorcht, funktioniert dieses Experiment. Aber was auch immer der Einzelne von diesem Stück mit nach Hause nimmt: Hier ist die Gelegenheit, eine lebendige und interessante Aufführung zu erleben. Zwei Stunden, die sehr kurzweilig erschienen.
(Volksstimme, 25.5.2010)